PROJEKTE UND AKTIONEN
  
    Projekt Wildbienen in Kolumbien
  Arbeits-Titel: "Verbesserung der Subsistenz und der Einkommenssituation durch Bienenzucht" in Gemeinden am Magdalena Medio im Bereich des Cañón del Río Alicante und in der Sierra Nevada de Santa Marta am Río Toribio und der Cuchilla San Lorenzo
  Ziele
  Das Ziel dieses Projekts ist es, der lokalen Bevölkerung durch die Zucht einheimischer, stachelloser Bienen (= meliponer Bienen) eine zusätzliche, sozio-ökonomisch und ökologisch nachhaltige Subsistenz- und Einkommensquelle zu eröffnen. Neben der Gewinnung von Honig für die Vermarktung und Subsistenz, wird auch die Bestäubung von Feldfrüchten sowie von Früchten des Waldes gesichert, was zur Ertragssicherung und damit zur Ernährungssicherheit beiträgt. Die Wiederbelebung dieser in Süd- und Mittelamerika traditionellen Bienenzucht trägt dabei auch zur Wahrung und Belebung traditionellen Wissens und damit zur Stärkung der regionalen Identität bei.
  Projektgebiet
  Am Projekt nehmen Mitglieder mehrerer Weiler am Magdalena Medio, sowie in der Sierra Nevada de Santa Marta teil. Insbesondere im Bereich des Magdalena Medio,im Nordwesten der Provinz Antioquia , gingen innerhalb der vergangenen 16 Jahre 38.6% der Waldfläche verloren. Bedingt ist dies vor allem durch die weit verbreiteten Landnutzungsformen zur Viehhaltung, welche im Projektgebiet 43% der Flächen einnimmt. Auf nur ca. 3% der Fläche hingegen werden landwirtschaftliche Produkte, wie Kakao, Bananen, Yucca, Mais und Obst/ Fruchtbäume, wie z.B. Avocado, Papaya, Borojó, Guanabana und Ananas angebaut. Das Gebiet ist auch im kolumbianischen Kontext arm und unterentwickelt, das durchschnittliche Einkommen der von kleinbäuerlicher Landwirtschaft lebenden Bevölkerung beläuft sich auf nur ca. 70 % des Landesdurchschnitts.
  Zucht stachelloser Bienen
  Die Bevölkerung in den Projektgebieten ist stark an der Bienenzucht als zusätzlicher Subsistenz- und Einkommensquelle interessiert, da diese auch in kleinem Maßstab sinnvoll und vor allem ohne großen zeitlichen Aufwand betrieben werden kann. Außerdem ist das Aufstellen der Bienenkästen nahezu überall möglich und aufgrund des Zusatznutzens der Bestäubung auch erwünscht. Der Honig ist nicht nur Nahrungsmittel, sondern dank seiner antibakteriellen Wirkung insbesondere für die arme Bevölkerung auch Heilmittel. Durch die einfache Handhabung der ungefährlichen Bienen können diese auch in unmittelbarer Nähe zum Menschen gehalten werden, wobei die ganze Familie in die Pflege der Bienenstöcke mit einbezogen werden kann.
  Während in Mittel- und Südamerika die Zucht der einheimischen stachellosen Bienen bereits in Prä-Kolumbischer Zeit bei den Maya und Nahuatls von großer Bedeutung war, hat sie seit der Einführung der europäischen Honigbiene stark an Bedeutung verloren und wurde durch die neuerliche Ausbreitung der sehr aggressiven, aber auch sehr produktiven afrikanisierten Honigbiene nahezu völlig verdrängt. Dabei finden sich in Süd- und Mittelamerika ca. 400 der 500-600 weltweit bekannten Arten, welche zu den wichtigsten Bestäubern der Regenwälder zählen und über 90% der Bäume und Sträucher besuchen. Aufgrund ihrer olfaktorischen Orientierung können sie auch in dicht bewaldeten Gebieten existieren, wohingegen Apis aufgrund ihrer optischen Orientierung auf offene Bereiche angewiesen ist. Die in den Tropen und Subtropen heimischen Bienen der Familie der Meliponinae erfüllen damit eine bedeutende Funktion im Ökosystem der tropischen Regenwälder und sind von großer Bedeutung für die Bestäubung in Agroforstsystemen, welche mittlerweile als wichtige nachhaltige Landnutzungsform anerkannt sind.
  Durch die Abholzung ist der Lebensraum dieser wichtigen Bestäuber jedoch bedroht, da einerseits Bienenvölker direkt der Abholzung zum Opfer fallen und andererseits Nistplätze für die verbleibenden Völker verloren gehen. Die Zucht der stachellosen Bienen bekommt somit auch vor dem Hintergrund des Schutzes der Artenvielfalt eine weitere Bedeutung, denn nur unter angemessenen Zuchtbedingungen, die zur Vermehrung der Bienenvölker beitragen, leistet die Haltung der Bienen auch einen Beitrag zum Artenschutz. Die Haltung der aus der Natur entnommenen Völker ohne gleichzeitige Vermehrung und entsprechende Pflege, wie sie häufig praktiziert wird, dezimiert jedoch die natürlichen Bienenvölker und steht damit dem Artenschutz entgegen.
  Im Gegensatz zur Zucht von Bienen der Gattung Apis, welche zur Haltung und Gewinnung des Honigs teure Geräte und Schutzvorkehrungen benötigt, kann die Haltung meliponer Bienen mit einfachsten Mitteln bewältigt werden. Die Bienen benötigen zur Anlage ihrer Bienenstöcke lediglich geeignete Holzkästen, hohle Stämme oder Asthöhlen. Die Brutzellen, sowie die Vorratsbehältnisse für Pollen und Honig werden von den Bienen selbst aus Wachs und Pflanzenharzen hergestellt und sind immer in getrennten Bereichen des Bienenstocks angelegt. Die Vorratsgefäße sind groß und der Honig kann durch einfaches Abschütten oder aber durch Absaugen aus den Gefäßen gewonnen werden. Von großer Bedeutung für die Qualität des Honigs sind dabei die hygienischen Bedingungen unter welchen der Honig gewonnen wird. Durch Konstruktion besonders strukturierter Holzkästen, bestehend aus mehreren übereinander liegenden Fächern, die durch Öffnungen miteinander verbunden sind, können die Bienen hygienisch und sowohl für die Honiggewinnung als auch für die Vermehrung der Bienenvölker rationell gehalten werden. Gemäß Erfahrungsberichten erhöht sich auch die Honigausbeute durch die Haltung in solchen speziell konstruierten Bienenkästen.
  Aktivitäten
  Nach dem Projektstart Mitte Januar 2008 lag der Schwerpunkt der Arbeit in den beiden Projektgebieten während der ersten sechs Monate der Projektlaufzeit zunächst auf der allgemeinen Ausbildung der interessierten Familien in der Haltung meliponer Bienen. Dies geschah einerseits durch Schulungen, und andererseits durch regelmäßige direkte Beratung der Kleinbauern vor Ort auf ihren Fincas.
  Das Hauptaugenmerk lag dabei zunächst auf der Zucht der im Gebiet am häufigsten auftretenden Art Tetragonisca angustula (syn. Trigona bzw. Tetragona angustula), welche lokal als ‚abeja Angelita' bekannt ist und zu den am weitesten verbreiteten neotropischen stachellosen Bienen zählt. Dies liegt vermutlich auch daran, dass Kolonien dieser Art, deren Individuen nur zwischen 4.5 und 5.0 mm groß sind, reproduktiver sind und sich bis zu einmal jährlich teilen. Die Art ist ein sehr wichtiger Bestäuber in den Neotropen. Gleichzeitig überspannt sie mehrere Höhenstufen von 100 bis 1800 m N.N. Durch die Wahl dieser im Gebiet sehr häufigen Art ist sicher gestellt, dass die Art gut an die Umgebungs-bedingungen angepasst ist und ihre Nahrung leicht in der umgebenden Vegetation findet. Einige Bilder von Tetragonisca angustula, den Nistkästen und deren Innenleben sind im Anhang zu finden.
  Durch Hausbesuche bei allen am Projekt teilnehmenden Kleinbauern wurden zunächst die Umgebungsbedingungen jeder Finca und ebenso das Verhalten der Bienen in der jeweiligen Umgebung festgehalten, um so die günstigsten Orte für das Aufstellen der Meliponarien zu eruieren. Da die kleinen Angelitas für ihre Nahrungssuche nur in einem Einzugsbereich von ca. 600-800 m um ihren Bienenstock aktiv sind (van Nieuwstadt & Rouano Iraheta 1996), ist das Aufstellen bzw. Aufhängen der Bienenkästen in der Nähe der Nahrungspflanzen wichtig. Aufgrund des geringen Flugradius und ihrer individuellen Blütenkostanz bei gleichzeitig hoher Blütenvariation innerhalb des Bienenvolks eignen sich die Bienen auch als sichere Bestäuber für Kulturpflanzen.
  Ebenso wurden während der bisherigen Projektlaufzeit von Januar bis Juni vier Schulungen durchgeführt.
  Die erste Schulung, an welcher 30 Personen aus dem gesamten Projektbereich teilnahmen war auf die Vermittlung allgemeiner Kenntnisse zur Haltung und Zucht stachelloser Bienen ausgelegt. Im Vordergrund stand dabei zunächst die Funktion der stachellosen Bienen als natürliche Bestäuber, sowie die wichtigsten Punkte der Haltung der Bienen, zu ihrer Biologie, ihrem Verhalten und ihren Nahrungspflanzen. (siehe Abb. 1 und 2)
 
Abb. 1: Vorstellung der für die einfachere Haltung strukturierten Bienenkästen und versetzen einer Kolonie von Tetragonisca angustula aus einem Bambusrohr in welchem die Bienen lokal oft gehalten werden, in einen Bienenkasten.

 
Abb. 2: Ausbringen der Tetragonisca angustula Kolonie im neuen Bienenkasten an seinen Bestimmungsort während der ersten Schulung.

  In den folgenden Wochen wurden in kleinerem Rahmen in den jeweiligen Siedlergemeinschaften im Bereich des Cañon del Rio Alicante erste praktische Schulungen vor Ort durchgeführt. Hierbei wurde für jeden Begünstigten ein erstes Bienenvolk in einen Bienenkasten eingebracht, um so die Zucht der Bienen zu initiieren. Ebenso bauten die Projektteilnehmer gemeinsam Meliponarien, in welchen mehrere Völker untergebracht werden können, um so die Haltung zu vereinfachen.
 
Abb. 3: Bau eines Meliponarios mit den Projektteilnehmern.

  Im Anschluss an diesen Aufbau der Bienenzucht im Bereich des Cañon del Rio Alicante wurden auch auf den acht Fincas, welche im Bereich des Corregimiento de Minca im Verwaltungsbezirk Magdalena liegen und ebenfalls am Projekt teilnehmen, Schulungen durchgeführt, bei welchen auf jeder Finca Meliponarien mit bereits fünf Bienenkästen aufgebaut wurden.
  Über die Monate hinweg erhalten die Kleinbauern regelmäßige Beratungs- und Kontrollbesuche, bei welchen das Klären von Fragen zur Bienenhaltung, die Lösung von auftretenden Problemen, sowie die Kontrolle von Gesundheit und Produktion der Bienen im Vordergrund stehen.
 
Abb. 4: Blick über einen bewirtschafteten Bereich und angrenzenden Wald der Familie Cardona, einer am Projekt teilnehmenden Familie.

 
Abb. 5: Blick über den bewirtschafteten Bereich der Familie eines begünstigten, welcher für die Anlage einer Kakao-Agroforstfläche vorbereitet wurde, mit Baumschulanlage (links) für die Anzucht von Kakao und holzliefernden Arten. Angrenzend Waldbereiche, welche für die Ernährung der stachellosen Bienen wichtig sind.

 
Abb6: Bienenkästen entlang der Wand des Hauses einer am Projekt teilnehmenden Familie. Die Bienenkästen müssen zum Schutz der Bienen vor Räubern und Verunreinigungen entweder auf Stelzen gestellt oder aufgehängt werden. Zur einer der größten Bedrohungen für die Bienenvölker gelten u.a. Ameisen, welche häufig versuchen in die Stöcke einzudringen, um an die Honig- und Pollenvorräte zu gelangen.

 
Abb 7: Charakteristisch für jede Art ist der Eingang zum Bienenstock, welcher im Falle von Tetragonisca angustula als leicht gebogene, enge Röhre aus Wachs und Harzen ausgebildet ist. Die generell sehr engen Eingänge zu den Bienenstöcken unterstützen die von zahlreichen Feinden, insbesondere Fliegen (Phoridae) und Ameisen, bedrohten Bienenvölker bei der Verteidigung, da sie von wenigen Wachen leicht verteidigt werden können.

 
Abb 8: Die ‚Wabenschichten' in welchen die Kolonie die Brut heranzieht sind durch Wachsstelen voneinander getrennt und von einer lockeren, blättrigen Schicht dem Involucrum, welches aus einer Mischung aus Wachs und Pflanzenharzen besteht, umgeben. Das Involucrum dient dazu, die Brut vor Temperaturschwankungen zu schützen und es trennt die Brutzellenbereiche von den Lagerbereichen, wo Honig- und Pollentöpfchen gelagert werden.

 

 
Abb 10: Anbringen eines Bienenkastens in geschützter Lage durch einen der Projektteilnehmer.